Gendersprache – ohne Sternenkrieg

Kaum ein Thema polarisiert so wie das Gendern. Es vergeht kein Tag, an dem Medien nicht Pro- oder Contra-Argumente in die Diskussion werfen. Oder neue Studien entstehen, die die eine oder die andere Sicht „vorsätzlich“ untermauern. Die gesellschaftliche Einigung bleibt jedoch auf der meinungsverminten Strecke.

Befinden wir uns im Krieg der (Gender-)Sterne, wie es das Wirtschaftsmagazin Forbes so treffend formuliert hat? Und wenn ja, wie kommen wir zu einem nachhaltigen Frieden in der so aufgeheizten Debatte?

Meine Empfehlung: Gehen wir doch vorurteilsfrei und wohlwollend an das Thema heran. Dann  finden sich praktikable Lösungen, die auch Einwände berücksichtigen. Neugierig geworden?

Kapitel:

Wie alles begann – eine kleine Historie

Das generische Maskulinum entstand, weil früher nur Männer Teil des öffentlichen Lebens waren. Bis ins Mittelalter war das Wort Mensch sogar gleichbedeutend mit Mann. Auch das heutige man ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit.

Etwa fünftausend Menschen hatten zu essen bekommen, Frauen und Kinder nicht mitgerechnet.

Die Französische Revolution Ende des 17. Jahrhunderts gab dann den Startschuss zu den vielen Wellen der Frauenbewegung und ihrer Forderung nach Gleichstellung. Allerdings führte dies zu keiner Veränderung in der Sprache – sie blieb männlich.

Erst 1979 kam Bewegung in die sprachliche Diskussion: Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch lies mit einem besonderen Zitat aufhorchen und läutete so die feministische Linguistik ein:

99 Staatsbürgerinnen und 1 Staatsbürger sind auf Deutsch 100 Staatsbürger. Die 99 Bürgerinnen können zusehen, wo sie bleiben; sie sind nicht der Rede wert.

Ihr Vorschlag der sprachlichen Veränderung: das Geschlecht zu neutralisieren. Statt der Professor oder die Professorin sollte nur eine Form für jedes Geschlecht verwendet werden, nämlich der/die/das Professor. Allerdings war das in den 1980er Jahren viel zu visionär und sie musste zurückrudern. Stattdessen erfand sie das Binnen-I: der/die ProfessorIn.

Warum war Luise F. Pusch damals visionär? In einer Zeit, wo es vor allem darum ging, Frauen in der Sprache sichtbar zu machen, verfolgte sie den Weg des Nicht-Sichtbarmachens des Geschlechts. Genauso wie später Lann Hornscheid’s Professx oder Thomas Kronschläger’s Arzty. Sie alle schufen Möglichkeiten, das biologische Geschlecht in Texten zu neutralisieren.

Daraus wurde allerdings nichts. Denn mit der UNESCO Resolution 24 C/14 von 1987 gegen einen sexistischen Sprachgebrauch war dieser Weg vorgegeben: Frauen sollten von nun an in Texten sichtbar gemacht und symmetrisch dargestellt werden. Mit allen Vorteilen aber auch erbitterten Diskussionen, die sich dann später rund um das 3. Geschlecht ergeben sollten. Stichwort: Krieg der (Gender)Sterne

Wo stehen wir heute bei der Genderdiskussion?

Wie es scheint, lehnen immer mehr Menschen die Gendersprache ab, obwohl immer mehr Menschen für die Gleichberechtigung von Männern, Frauen und Queer-Personen sind. Ein Paradoxon?

Wenn wir genauer hinsehen, löst sich diese Paradoxie jedoch auf. Denn die Mehrheit befürwortet die sprachliche Gleichstellung – etwa durch neutrale Formulierungen. Nur ungewohnte Genderformen wie Binnen-I oder Schrägstrich nicht.

Frauen sehen oft in gegenderten Texten eher eine Vernebelungstaktik als einen Beitrag zur Gleichstellung. Warum ist das so? Und warum wird die Diskussion gerade beim Gendern so emotional geführt?

Sprachliche Neuerungen waren immer schon Gesprächsstoff. Denn Sprache ist etwas sehr Persönliches und Teil unserer Identität. Denken Sie nur an die Kritik am vermehrten Gebrauch von Anglizismen in den 1990ern. Oder die Kritik an der Jugendsprache. Auch die neue Rechtschreibung wurde anfangs heftig kritisiert – obwohl heute kaum jemand zur alten Rechtschreibung zurückkehren will.

Beim Thema Gendersprache geht es aber scheinbar um mehr. Hier wird offensichtlich an den Grundlagen traditioneller Weltbilder gerührt. Aber natürlich ist auch der sprachliche Wandel Teil der Diskussion. Sternchen & Co passen nicht in gelernte sprachliche Normen. Und der Rat deutscher Rechtschreibung möchte nicht vorschnell in die Diskussion eingreifen.

Es heißt also: Bühne frei für sprachliches Experimentieren. Denn welcher Weg beim geschlechterinklusiven Schreiben tatsächlich beschritten wird, zeigt erst die Zukunft.

Was empfehlen wir von wortwelt®?

Suchen Sie nach Genderlösungen, die zu Ihrem Unternehmen passen. Dazu müssen Sie Antworten vor allem auf diese beiden Fragen finden: Wer ist meine Zielgruppe? Was verspreche ich als Marke?

Unser Tipp, wenn Sie alle Menschen ansprechen wollen – also auch queere Personen: Verwenden Sie die Direktansprache mit Sie oder Du. Damit verringern Sie nicht nur den Genderbedarf erheblich, sondern Ihre Texte werden auch viel freundlicher.

Queere Personen können Sie auch mit Genderdoppelpunkt oder Genderstern in Ihre Texte miteinbeziehen. Oder Sie suchen nach gebräuchlichen neutralen Begriffen wie Führungskraft statt Chef:in.

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Unserer Erfahrung nach liegt es an der Qualität der der Texte selbst, nicht am Gendern. Oft mangelt es schon an der Verständlichkeit. Und nach Texten, die die Identität einer Marke in Tonalität und Wortwahl spürbar machen, sucht man meist wie nach einer Stecknadel im Heuhaufen.

Die gute Nachricht: Es gibt dazu nicht nur Helferleins wie etwa unsere wortwelt® Kriterien für verständliche Sprache oder unsere Workshops zum Entwickeln von Markensprache. Es hilft auch Gendern mit Hirn.

Ein paar Beispiele, die dazu hinleiten:

Generisches Maskulinum:

Unsere Kundenbetreuer unterstützen den Versicherungsnehmer bei der Abwicklung seiner KFZ-Schadensfälle.

Sichtbares Geschlecht:

Unsere Kund:innen-Betreuer:innen unterstützen die:den Versicherungsnehmer:in bei der Abwicklung ihrer:seiner KFZ-Schadensfälle.

Sichtbares Geschlecht & neutrale Formulierung

Unsere Kundenbetreuer:innen unterstützen die Versicherten bei der Abwicklung des KFZ-Schadens.

Neutrale Formulierung

Unser Service-Team unterstützt die Versicherten bei der Abwicklung des KFZ-Schadens.

Gendern mit Hirn

Wir unterstützen Sie gern im Falle eines KFZ-Schadens.

Bei diesem Beispiel haben wir die Direktansprache gewählt. Das ist gendergerecht weil neutral und entspricht auch dem wortwelt® Verständlichkeitskriterium sympathisch. Und schließlich passt sie auch zu einer Versicherung, die Kundenorientierung auf ihre Markenfahne schreibt.

Wie unterstützen wir Sie?

Auf vielfältige Weise. Vom Entwickeln Ihrer Gendersprache, dem Erarbeiten Ihres Tone of Voice bis hin zu unseren offenen Seminaren etwa zum Thema Gendern mit Hirn oder zu anderen Spezialthemen wie Storytelling oder Content Marketing.

In mehr als 20 Jahren haben wir über 200 Sprachprojekte erfolgreich umgesetzt. Und viele davon hatten ihren Ausgangspunkt bei der Frage „Wie gendere ich richtig?“.

Und weil wir uns mitten im Krieg der Sterne befinden, wollen wir von wortwelt® mit unserer Arbeit einen Beitrag zu einer gleichberechtigten Welt leisten. Oder meinen Sie nicht auch, dass Mädchen Lust bekommen sollten, ein Raumschiff zu fliegen …

Sie wollen tiefer ins Thema Gendersprache eintauchen? Zum Abschluss noch ein paar nützliche Hinweise:

Irmgard Zirkler, Partnerin bei wortwelt® und identifire®

Sie ist keine Wortklauberin, aber eine hartnäckige Verfechterin geschlechter-inklusiver und verständlicher Sprache: geschrieben und gesprochen. Seit vielen Jahren ist sie auch in Sachen Marke unterwegs – und trifft so immer den richtigen Ton. Mehr als 25 Jahre als Kommunikationsfachfrau an vorderster Front machen sie zu einer routinierten Beraterin und vielgebuchten Trainerin. Ihre Spezialität: mehrjährige Sprachprojekte in der Wirtschaft und im öffentlichen Bereich.

+43 699 103 25 393
i.zirkler@wortwelt.at